Ich erinnere mich gerade an einen Blogeintrag von vor zehn Jahren, als ich über unsere ersten Abenteuer auf Lanzarote bloggte. Der Eintrag hieß Für’n Tee in die Berge und dort beschrieb ich wortreich meine kleine Radtour von Punta Mujeres zum 270 Meter höher gelegenem Örtchen Haría. Damals hielt ich mich für unglaublich sportlich und ein bisschen irre – im positiven Sinne –, dass ich für nur eine Packung Tee so einen Aufwand betrieb. (Später bin ich fast täglich mit dem Fahrrad da hoch, rein der Freude wegen und auch ohne jede Anstrengung. Aber auch das ist schon wieder ein paar Jahre her. Wer weiß, wie weit ich jetzt kommen würde, also Schluss mit der Angeberei.)
Dieses Mal geht es um unsere Fahrt zur Nachbarinsel Fuerteventura, einzig und allein um Mörtel zu kaufen.
Denn bald kommt der Tischler, und der soll uns die Türstürze einbauen und das möglichst ohne Zement und salzigen Sand. Auf Lanzarote findet man leider in keinem einzigen Baumarkt Fertigmörtel, der unseren bescheidenen Ansprüchen genügt, deswegen setzten wir uns gestern ins Auto und fuhren nach Playa Blanca. Ich hatte mich tags zuvor erstens telefonisch im Baumarkt vergewissert, ob sie den gewünschten Mörtel (NHL 5) denn auch in der gewünschten Menge vorrätig hätten, und zweitens über die App der Reederei Fred Olsen die Überfahrt nach Fuerteventura gebucht. Man schrieb, wir sollten vierzig Minuten vor dem Ablegen dort sein. Das bedeutete für mich: früh aufstehen, denn allein die Fahrt nach Playa Blanca dauert eine knappe Stunde, und wenn wir um 10:00 ablegen sollten, oje, außerdem ist es immer besser, etwas früher loszufahren, wer weiß, wie wir durchkommen würden. Wir erreichten den Hafen um 9:15 Uhr.
Die Fähre legte mit nur zwanzig Minuten Verspätung ab. Unser Auto war sicher verstaut im Bauch des Schiffes, das erste Mal, das war bestimmt für ihn genau so aufregend wie für mich. An Deck schien die Sonne, der Schornstein qualmte und stank, und so legten wir kurze Zeit später in Corralejo an.
Der Baumarkt lag nur wenige Kilometer entfernt vom Hafen, und wir fanden ihn problemlos. Nicht ganz so problemlos war es dann, den gewünschten Mörtel zu bekommen. Ich hätte gestern angerufen, erklärte ich, es ginge um den Mörtel der Firma Gordillos, NHL 5.
„NHL 3.5“, verbesserte man mich.
„NHL 5“, verbesserte ich wiederum den Verkäufer.
(Zur Erklärung: Die Zahl steht für die Druckfestigkeit des fertig getrockneten Mörtels. Je höher die Zahl, desto widerstandsfähiger der Putz.)
Dann dauerte es, dann schaute man im Lager nach, dann erklärte man uns, dass es NHL 5 nicht gäbe.
Ich legte die Augenbrauen schief, ein Zeichen dafür, dass ich mit der Antwort nicht einverstanden war. Auf der Website des Herstellers war eindeutig der Sack mit dem 5er-Kalkmörtel abgebildet. Außerdem hätte ich vorher nachgefragt und wir seien extra von Lanzarote gekommen!
Das weibliche Gegenüber zuckte mit den Schultern, dann begann sie zu telefonieren. Sie nickte, brabbelte, gleich darauf erklärte sie uns, dass das ein Druckfehler sei, es gebe nur 3.5, nicht 5. (Quatsch!) Ob ich Spanisch spräche, fragte sie, nachdem ich das die ganze Zeit getan hatte. Dann reichte sie mir ihr Smartphone, am anderen Ende: Sonia von der Firma Gordillos, die wir bereits aus diversen E-Mails kannten, und die uns auf den Baumarkt als einzigen Händler der Gegend hingewiesen hatte. Sie machte ihren Job gut, versicherte sie mir doch glaubhaft, dass das 3.5er ja nicht viel anders wäre als das 5er, die Härte des 3.5er läge ja bei mindestens 3,5 N/mm², sogar bis 10! Und 10 sei härter als 5, nicht wahr? Und dass man früher auf den Kanaren mit Luftkalk gebaut hätte, das sagte sie, und Luftkalk wäre ja viel, viel weicher mit unter 2 N/mm² und die Häuser stünden dennoch seit über hundert Jahren.
Ich lasse mich schnell bequatschen. Und sie hat ja auch Recht, Luftkalk ist viel, viel weicher und hält trotzdem ewig. Dass wir das sogar noch am selben Tag bestätigt bekommen würden, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Also kauften wir das Zeug, was sollten wir schon anderes tun, außerdem waren wir jetzt da, und die Leute im Baumarkt waren zwar ahnungslos aber hilfsbereit und taten ausnahmsweise mal alles, was in ihrer Macht stand. Das sind wir gar nicht mehr gewöhnt, Lanzarote ist halt doch noch mal anders als Fuerteventura.
Die 10 Säcke wurden von Ollie und einem Mitarbeiter ins Auto gewuchtet, und ja, man hätte Folie drunterlegen können, dann hätten wir jetzt keinen weißen Kofferraum.
Mit zweihundert Kilogramm mehr im Auto ging es dann zum spontanen Sightseeing. Einfach drauf los, die junge Frau im Baumarkt hatte gesagt, El Cotillo wäre hübsch, und ich hatte genickt, keine Ahnung, was da sein sollte, aber man kann ja mal schauen. Das nächste Straßenschild führte uns auch genau dorthin, und so landeten wir schließlich in einem kleinen Ort am Wasser, das nichts mehr als einen Strand, einen Leuchtturm, zwei alte Kalkbrennöfen und einen alten Turm, den Torre del Tostón zu bieten hatte. Der Leuchtturm war insofern interessant, als dass er aus einem Gebäude (heute ein Museum für Fischerei) sowie drei Türmen bestand, offensichtlich hatte man alle fünfzig bis hundert Jahre einen neueren, höheren gebaut. (Mein Smartphone lag zwanzig Meter entfernt im Auto, deswegen habe ich hiervon keine Fotos gemacht. Ich weiß selbst, wie sich das anhört.)
Der Torre del Tostón (s. Bild links) kostete Eintritt, aber war den Euro wert. Ein wundervoller Blick von oben aufs Meer, schöne, alte Mauern, eine Zisterne für Regenwasser, die Ollie für ein Klo hielt und ich es ihm sofort abnahm.
Schon auf dem Hinweg waren wir an einem Schild zum „Casa de los Coroneles“ (s. Titelbild) vorbeigefahren, den Namen hatte ich im Hinterkopf, Aurora und Fernando erwähnten ihn mehrmals. Auch tripadvisor gab ihn als eine von fünf Sehenswürdigkeiten der Insel an, und das Wetter war schön, und wir waren doch nun schon mal hier.

Zur Sehenswürdigkeit an sich, dem restaurierten Teil der Anlage, gingen wir erst, nachdem wir die unrestaurierten Gebäude drumherum besichtigt hatten. Aufgrund ihres recht zerfallenen Zustandes boten sie einen wunderbaren Einblick in die Bauweise der alten kanarischen Häuser. Für uns ein gefundenes Fressen, jetzt, wo wir selbst an so einem alten Ding herumwerkeln. Die Wände, die Decken, die Türen! So haben sie die also vor drei-, vierhundert Jahren eingebaut. Kaum zu glauben, dass einige unserer Türen von 1920 in Mala genau so aussehen. Irgendwie denke ich immer noch, dass zumindest Teile unseres Hauses älter sind als einhundert Jahre, aber vielleicht hat sich das Alte auch einfach nur bewährt, so dass man noch viel später die Bauweise unverändert ließ. Und dennoch …
Ollie und ich haben jedenfalls nun einige Ideen mehr für die Türen und ihre Rahmen, und freuen uns darauf, wenn es endlich losgehen kann.


Sehr goldig waren die kleinen Atlashörnchen (ich hab gegoogelt, sonst hätte ich Streifenhörnchen geschrieben), von denen ihr vorwitzigster Kollege zu mir kam, um zu schauen, ob wir ein paar Nüsschen als Gastgeschenk mitgebracht hatten. Hatten wir nicht, also verzog er sich gleich wieder. Die ganze Zeit saßen seine Freunde aber auf den Mauern und beobachteten uns quietschend.
Das Casa de los Coroneles selbst ist das größte Haus auf dem Anwesen. Man erklärte uns, dass der Rest in privater Hand wäre und nur dieses hätte die spanische Regierung gekauft und 2006 restauriert. Leider löst sich auch hier wie so oft bereits die Farbe von den Wänden und der Lack von den Holzbalken.
Nach diesem Tag spannender Eindrücke und einem Bier, einem Stück Tortilla, einer Empanadilla und einem Blick in die Iglesia Nuestra Señora de la Candelaria machten wir uns schließlich auf den Heimweg, trafen eine Viertelstunde vor dem Ablegen der Fähre der Fred-Olsen-Konkurrenz Armas am Hafen ein, kauften ohne jedwede App das Ticket für zwei Euro weniger als online und fuhren pünktlich los. Als wir auf der Überfahrt dann tatsächlich noch ein paar fliegende Fische im Wasser herumtollen sahen, war alles gut. Ab nach Mala, Kalkmörtel abladen, Pflanzen bewässern und dann nach Hause. Uf. Ein schöner Tag war’s.

Die Wände in Fuerteventura sehen ja wirklich so aus wie bei Euch! :-p
Das war ein schöner Ausflug, und durch Deine Erzählung bin ich auch ein bisschen „mitgereist“.
Heute habe ich übrigens meiner Mutter und Mei Li die Videos von letztem Mal gezeigt. „Was ist das?“ „Der Garten!“ „Aha.“ „Und hier Anettes Wohnzimmer!“ „Auweia.“ Ist halt ein großes Projekt. Aber das wuppt ihr. Einen guten Start in die neue Woche und liebe Grüße
Ist ja alles vor deiner Abreise vor Ort und dazu Mal was Anderes als Putzklopfen. Was wird denn Ollie die ganze Zeit ohne Dich machen?